Wet wet wet

„Die Bucht ist wunderschön, wo ihr hinwollt auf der Insel Arran, aber übrigens der nasseste Platz Schottlands, dort regnet es am meisten“. Das gaben uns die fünf Schotten mit, die mit uns am nächsten Morgen die Seeschleuse verließen. Nach einer kleinen Regatta (ratet mal, wer vorne lag…) bogen sie in eine Marina mit Spa ab. Sie wussten, warum. Wir segelten noch 3 Std weiter und schnappten uns im leichten Nieselregen eine Boje in besagter Bucht (Loch Ranza). Leider kamen wir zu spät, um einmal das Trockenfallen auszuprobieren. Na ja, so richtig Trocken wäre es auch nicht geworden, denn der Regen hörte auch bis zum nächsten Morgen nicht auf. Wir mussten an die Schotten im Marinaspa denken…

Es wurde ein chilliger Nachmittag, einige Tage vorher fingen wir an, einen Roman über diese Gegend Schottland zu lesen, den wir zur Reise geschenkt bekommen hatten („Der keltische Ring“). Es wurde spät…. an fast jedem Handlungsort hat die Amazing Grace vorbeigeschaut…

Sonne, tatsächlich Sonnenstrahlen weckten uns am nächsten Morgen. Frühstücken, Segel klar, Boje los, und ab gen Süden Richtung Mull of Kintyre. Ein typisch schottischer Segeltag lag vor uns: Sonnenstrahlen, Starkwind, Regenschauer, Flaute, Kaffeesegeln. Pünktlich zum nächsten Regenschauer legten wir in Campbeltown, kurz vor der Südspitze von Kintyre an. Zugegeben: das Licht-und Farbenspiel bei diesem wechselhaften Wetter ist fantastisch und kaum zu glauben, die Hafenpromenade säumen Palmen. Hier wollen wir bis Montag bleiben, dann wollen wir den Absprung nach Irland wagen. Zur Verstärkung kommt dazu Pauline, die Tochter meines Cousins aus Frankfurt.

 

 

Ab ins Grüne….

1801 wurde der Crinankanal fertiggestellt. Man fährt auf einem Museumsstück in die Vergangenheit. Der Kanal ist schmal, die Schleusen klein und eng und müssen manuell betätigt werden.  Aber einmalig schön…. wären da nicht die kleinen schottischen Mücken. Einheimische Segler rieten uns dazu, für die Schleusen einen Helfer zu engagieren, das sei jeden Penny wert… und sie hatten Recht! Hugh kam, sah und schleuste. Nach 30 Jahren Schleusen, mit der Gelassenheit eines alten schottischen Whiskeys, auch wenn unsere Nerven manchmal blank lagen, gerade bei der ersten Schleuse, weil wir mit einem anderen Boot zusammen durchgeschleust wurden. Dessen Selbstruderanlage aus Edelstahl bohrte sich beinahe in unseren schönen Rumpf. Sylvias gellende Schreie verhinderten dies jedoch… „She yelled at me…“ beklagte sich der Engländer nach der 14. Schleuse, da waren wir allerdings schon Freunde geworden (Engländer schreien an Bord nie, selbst wenn das Boot sinkt!!!!)

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Die Crews beider Schiffe waren nach dieser Tagesarbeit so erschöpft, dass alle um 20.00 Uhr in die Kojen sanken. Wir legten tags drauf noch einen Hafentag ein zum Wäschewaschen und Proviant bunkern. Die Entdeckung des Tages war, dass Coop Uk für Einkäufe über 25 Pfund Lieferservice nach Hause macht… nachdem wir erklärt hatten, dass unser Boot unser Zuhause ist, kam der Lieferwagen bis 2m vor unser Schiff, was den Neid aller anderen Bootseigner erregte. Außerdem kam Gerry von der Caley Marina, um unserem neuen Motor den ersten Service und Ölwechsel angedeihen zu lassen. Der Abend klang mit fünf fröhlichen Schotten an Bord aus…

Mit Volldampf auf den Atlantik

Vor unserer heutigen Passage hatten wir wirklich Respekt: es sollte durch ein Gebiet mit den stärksten Strömungen und Strudeln Großbritanniens gehen. Unmengen von Wassern werden zwischen kleinen Inseln durchgepresst. Henning studierte vier Stunden sämtliche Revierführern, Tideplaner und Wetterberichte, um den richtigen Zeitpunkt für unsere heutige Strecke in Erfahrung zu bringen. Dann sagte Sylvia:“ Warum fahren wir nicht einfach mittags mit ablaufender Tide los?“ und so haben wir es dann auch gemacht. Es wurde eine spektakuläre und rasante Fahrt mit bis zu 11kn über Grund, obwohl wir mit dem Motor nur 4-5 kn fuhren. Wir kamen zum perfekten Zeitpunkt bei Niedrigwasser bei den kritischen Stellen durch, wenn da nicht noch die nur 7m breite Einfahrt in die Seeschleuse des Crinankanals gewesen wäre. Mit quer stehender Strömung und Wind/Wellen, die bisher größte Herausforderung für die Steuerfrau…😳…  Gott sei Dank, alles ist gut gegangen.Das und Hennings Geburtstag wurde danach gebührend gefeiert!

Den Crinan Kanal möchten wir durchqueren, nicht weil wir schon wieder Sehnsucht nach Kanälen haben, sondern es erspart uns die Umrundung des gefürchteten Mull of Kintyre im Südwesten Schottlands. Da würde die nächsten Tage bei den vorhergesagten Winden die Post abgehen…

 

Neptuns Staircase

Neptuns Staircase, so heißen die 8 Schleusenkammern, die bis ins Meer hinunter nach Westschottland führen. Wie hatten wir im Vorfeld Sorge, diese (und noch ein paar mehr Einzelschleusen) alleine zu bewältigen. Tatsächlich waren wir in allen Schleusen das einzige Schiff, drei Schleusenwärter halfen uns bei den Leinen und so war es die entspannteste Schleuserei seit wir im Kaledonischen Kanal sind. Davor durchquerten wir wieder Loch Ness, bis wir in den bisher unbekannten Teil des Kanals kamen. Mal fuhren wir durch den Wald, dann öffnete sich ein Tal, umrahmt von hohen Bergen zu einem weiteren Loch z. Bsp. Loch Lochy. Sehr eindrucksvoll! Am Samstagvormittag spuckte uns die Seeschleuse nach zweieinhalb Wochen wieder hinaus ins Meer.

 

 

 

 

Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt…

oder wie es in Hennings Controllerleben hieß: „… und ist der Plan auch wohl gelungen, bestimmt verträgt er Änderungen“. So liefen wir Freitagmorgen um 5.30 aus Peterhead mit dem Tidenstrom aus, um noch rechtzeitig im kleinen Hafen mit dem Namen Whitehill anzukommen. In Peterhead hatten wir vier Tage verbracht und vergebens den Charme dieser Hafenstadt gesucht. Nieselregen und Starkwind haben uns nicht davon abgehalten, mit unseren Bordfahrrädern shoppen zu gehen und auch der Bordmusik zu frönen.

Lange Wellen von den letzten Tagen begleiteten uns auf unserem Weg um die Kaps, doch da der Wind immer mehr nachließ, wurde es zeitlich immer enger, in Whitehill einzulaufen aufgrund des zu flach werdenden Wassers und der hohen Wellen.
Zu guter Letzt riet uns der Hafenmeister, in den nahen tieferen Fischereihafen Mac Duff einzulaufen. Auch da war die Hafeneinfahrt eng, und wie ein Formel 1 Kurs ging es um die Ecken. Bei der Einfahrt winkte uns der Hafenmeister schon zu und wies uns einen Platz neben einer blauen kleinen Jacht an, die dort zwischen riesigen Fischerkähnen an der Kaimauer lag. Doch wie bekommt man die Leinen 4 Meter hoch auf den Kai, wenn dazwischen noch ein anderer Segler liegt? Ein hilfreicher Fischerjunge erbarmte sich und fing die Leinen auf. Unsere erste Nacht in einem Tidenhafen war überraschend gut und ruhig, da die Fischer über das Wochenende nicht rausfahren. Mac Duff hatte einen rauhen Charme mit fantastischer Sicht auf die Küste.

Vier Fischer, die den Rost an ihrem Kahn schrubbten, konnten sich am nächsten Morgen nicht satt sehen, als Sylvia das Ablegemanöver fuhr. Vier Daumen gingen nach oben, soweit war die Emanzipation hier anscheinend noch nicht gekommen. 😀 Die Überfahrt nach Lossiemouth war so geplant, dass wir auf jeden Fall mit genügend Wasser unter den Kielen ankommen sollten. Aber kurz vor der Einfahrt sah man die Gischt an der Hafenmauer hochspritzen und am Strand sich brechen. Sollten wir dort wirklich durch dieses schmale Loch reinfahren? Ein anderer Segler machte es uns vor und Sylvia fuhr mit Volldampf und jede Menge Stoßgebeten und Muskelkraft hinterher. So einen Nervenkitzel braucht man nicht oft…
Lossiemouth ist ein süßer kleiner Hafen. Den Schlüssel für die Toiletten gibt’s im Pub zusammen mit einem Bier. Der Pub führt drei Mal mehr Whiskeysorten als Biersorten, aber auch die gibt es in großer Auswahl. Als Henning aus dem Pub kam, dachte er, dass das Bier wirklich stark sein muss, denn der Mast der Amazing Grace stand schief im Hafen. Aber hallo, das blieb auch so, als er an Deck stieg! Des Rätsels Lösung: Bei Ebbe saß das Schiff im Hafenschlick und war auf einer Seite tiefer eingesackt. Was für ein Glück, haben wir zwei Kiele und konnten das Steigen des Wassers in Ruhe abwarten, während andere Segler Panik schoben. Wir werden hier erst Mal bis Montag bleiben. Wer will, kann uns über die Livehafenwebcam auf die Finger schauen (http://www.lossiemouthmarina.com/entrance.htm). Ab und zu werden wir winken!

Nordsee quer – gar nicht so schwer…

„Henning, du musst mal aus dem Fenster rausschauen!“. So weckte Sylvia den Skipper morgens um 7.00 Uhr, der sich noch von seiner Nachtwache von 0.00 Uhr- 4.00 Uhr erholte.Vor unserem Kabinenfenster schwamm praktisch auf Augenhöhe eine Delfinschule und spielte mit unserer Bug- und Heckwelle.Sylvia hatte diese schon eine gute halbe Stunde beobachtet und strahlte über beide Backen. Die Delfine hatten eine kleine Makrele übrig gelassen, die Henning dann am Abend angelte.

Unsere Überfahrt begann am Samstagmorgen mit Vollspeed. Mit 7-8 Knoten fuhren wir westwärts, bis fast kein Land mehr in Sicht war.Die Siriuswerft hat nicht nur Komfort, sondern auch ordentlich Speed in ihre Schiffe mit eingebaut! Wir hatten von Freitag auf Samstag in dem schönen Rekefjord übernachtet.Dann wurde es für den Rest der Überfahrt eher gemütlich. Bis Sonntagnachmittag hatten wir mittelstarke achterliche Winde, so dass wir mit „Schmetterling“ –bzw. engl. „goosewings“- Besegelung einen ganzen Tag komfortabel unterwegs waren.Wir fühlten uns wie auf einer Atlantiküberquerung mit Passatwind.Das war insgesamt recht entspannend bis der Nebel kam. Zum Glück hatten wir zu dem Zeitpunkt unseren Bohrinselslalom schon hinter uns. Mit dem Nebel flaute auch der Wind ab, und so schob uns unser eisernes Segel (Motor) durch die zweite Nacht.

Nebelfahrten sind nicht immer lustig. Man sieht nichts, kann aber auf dem Radar und dem AIS die meisten Schiffe sehen, die sich in der Umgebung befinden. Über eine Stunde lieferte sich Sylvia mit einem großen Frachtschiff ein Rennen. Der Frachter kam immer näher, bis Sylvia sogar den Diesel riechen konnte, ihn aber nie zu Gesicht bekam. Dieser fuhr dann endlich, nachdem er ca. 10 Mal seinen Kurs geändert hatte (sieht man auf dem AIS), vor uns vorbei.Henning schlief währenddessen süß in seiner Koje.Vier Stunden vor unserem Ziel lichtete sich der Nebel und der Wind frischte auf. Wie zu Beginn der Überfahrt konnten wir gegen Ende mit voller Fahrt auf den Hafen zusteuern… bis uns wieder die Nebelbänke einholten.Die Hafeneinfahrt war dann noch einmal spannend, der Schiffsverkehr nahm zu, wir wurden von einem den Hafen verlassenden Frachter angefunkt, wie wir am besten aneinander vorbei kommen, die harbourcontrol fragte an, ob wir Radar hätten, um in den Hafen reinzufahren und erteilte uns schließlich die Erlaubnis einzufahren.Kurz vor der Hafeneinfahrt (ca. 200m) lichtete sich der Nebel nochmals und wir konnten die Hafenmauern sowie die großen Frachtschiffe und Versorgungsschiffe für die Bohrinseln ausmachen.

Sicher festgemacht, wollten wir eigentlich nach einem kleinen Snack in die Koje fallen, doch es kam anders: nette englische Segler, mit Hund lagen neben uns und bei der einen oder anderen Flasche Wein wurden Erfahrungen und Tips für die jeweilige Weiterreise ausgetauscht. So war dies nicht nur nett, sondern auch immens wertvoll, insbesondere für unsere Weiterreise in den Neukaledonischen Kanal.Dass es ganz schön schwer sein kann, einen Pub für das Abendessen zu finden, merkten wir bei der Erkundung von PeterheadWir sind sehr dankbar für alle, die an uns gedacht und auch gebetet haben.

Die nächsten Tage sind starke Winde und ekliges Wetter vorhergesagt, so dass eine Entscheidung ansteht, wann wir uns nach Inverness aufmachen, wo auch unser Motor, der zwar tapfer durchgehalten hat , aber immer noch so durstig nach Kühlwasser ist, wie ein Schotte nach Whiskey, noch eine letzte Chance bei einer „Entziehungskur“ bekommen soll.