Letzter Abend in Irland

Der Tag heute war geprägt vom „Bunkern“: Diesel, Wasser, Lebensmittel…. nochmal ausführlich geduscht und lecker Essen gegangen, bevor es die nächsten 5 Tage nur Vorgekochtes, Aufgetautes und Dosen gibt… außerdem hatten wir noch sehr netten Besuch von John, dessen Familie wir auch in Malahide schon getroffen hatten.

Hier noch ein paar Eindrücke des heutigen Tages, morgen gegen 9.00 legen wir ab gen Süden, olé!!

 

Auf zur „Pole-Position“

„Von wo aus sollen wir am besten nach Spanien abspringen?“ – das ist die Frage, die uns zur Zeit am meisten umtreibt. Am besten scheint der Südwesten Irlands geeignet zu sein. Von dort ist man sofort auf dem offenen Atlantik, außerhalb der großen Biskaya Bucht und dann geht es schlicht 1000 km südwärts nonstop. Also haben wir uns dahin auf den Weg gemacht. Wie immer bestimmten Tide und die damit verbundenen Strömungen unseren Zeitplan … . und das ist nichts für Langschläfer: an drei Tagen hieß es um 4:00 morgens raus, Frühstück und klar zum Auslaufen machen, dann Leinen los. Von Malahide ging es erst einmal an Dublin vorbei zum Flusshafen von Arklow. Das war eine unserer sportlichsten Fahrten: ständig wechselnde Winde, von 5-8 Bft bis zur Flaute und wieder 4-6 mit Winddrehern, Schauern und Sonne. Henning fühlte sich wie beim Regattasegeln, ständig Segel einreffen, ausreffen, wechseln, anpassen. Dafür kamen wir schon mittags an und haben uns dort erst einmal in die Koje gehauen. In Arklow muss im 18. Jahrhundert eine wichtige Schlacht der Irländer im Freiheitskampf gegen die Engländer stattgefunden haben. Überall standen Denkmäler.

Als gäbe es einen Weckdienst, legten um Punkt 5:00 drei Schiffe ab, unter anderem die „Ariel“ aus Virginia., ein schöner amerikanischer alter Segler ähnlicher Größe unserer Amazing Grace. Mit ihr lieferten wir uns von Sonnenaufgang bis zum Südostkap von Irland ein spannendes Rennen. Wir fuhren mehr inshore, sie setzten auf stärkere Winde und Strömungen offshore und fuhren dafür weitere Wege. Am Ende hatten wir bei beinahe Flaute doch die besseren Bedingungen und die Ariel strich die Segel und warf zuerst die Maschine an J. Im kleinen Hafen von Kilmore Quay begrüßte uns die süße Hafenrobbe.

Hier blieben wir zwei Tage, um die Ankunft von Chris, Lenis Verlobtem, abzuwarten. Bei Kaffee und Kuchen an Bord der Amazing Grace schlossen wir Freundschaft mit den beiden Seglern der Ariel, einem Amerikaner und einem Dänen. Beide wollen, wie wir, in den nächsten Tagen nach Nordspanien. Da unsere beiden Schiffe ähnlich schnell segeln, beschlossen wir, wenn möglich, zusammen zu fahren.

Leider war der Flug von Chris nach Dublin so verspätet, dass er erst nach Mitternacht ankam. Aber Gott sei Dank fand sich ein Taxifahrer, der ihn um diese Zeit noch zu uns nach Kilmore brachte. Zwei Stunden Schlaf mussten dann halt für die Crew reichen, um das günstige Wetter zu nutzen um nach Kinsale zu fahren. Ein herrlicher Sonnenaufgang war die Belohnung und Chris schlug sich tapfer auf der langen Überfahrt, die auch ein Ausdauertest für unseren Motor wurde. Die Einfahrt nach Kinsale war selbst im Nieselregen beeindruckend. Zum Glück gab es niemanden in der gewaltigen Festung, der den Hafeneingang bewachte, der uns nicht wohl gesonnen gewesen wäre.

Jetzt liegen wir im Päckchen an einer 20 Meter Yacht und neben uns liegt die Ariel. Gemeinsam studieren wir die Wetterberichte, um das richtige Wetterfenster für die 4-5- Tage Fahrt nach A Coruna/Spanien zu finden… es bleibt spannend!

Wir sitzen auf dem Trockenen…

Als wir das letzte Mal auf dem Trockenen saßen, schickte uns mein Bruder eine Kiste Wein von seinem Weinhandel „Vinaturel“ nach Inverness. So einfach ist es dieses Mal nicht gewesen, denn es braucht schon etwas mehr Flüssigkeit, bis die Amazing Grace wieder schwimmt. Das Trockenfallen war für uns eine Premiere und war schon mit etwas Nervenkitzel verbunden. Wir hatten uns dazu eine Bucht bei den Skerries Islands ausgesucht, die von Wind, Wellen und einem sandigen Untergrund geeignet erschien. Aber vor allem sollte an Land ein Pub sein, in dem man das Fußballspiel Deutschland-Frankreich verfolgen konnte…

Zwischen der Bucht und unserem Liegeplatz in der Marina in dem Carlingford Lough lag eine frühmorgendliche Ausfahrt mit Wind gegen Strom, was sogenannte „Overfalls“ (stehende brechende Wellen) produziert. Da hieß es: „Augen zu und durch“.

Tja, Mathematik war eigentlich des Skippers Stärke, aber bei der Berechnung, wann wir zurück auf der Amazing Grace sein müssten, um trockenen Fußes das Boot zu erreichen, hatte er sich leider etwas verkalkuliert…

Am nächsten Morgen segelten wir Richtung Dublin; mit der Tide und halbem Wind war die Reise richtig flott. Wir liegen jetzt in der Malahide Marina ganz in der Nähe von Freunden, mit denen wir gestern einen netten Abend verbrachten. Unser Gast, Pauline, ist heute auch wieder nach Hause gereist. Es war eine tolle Zeit mit ihr und sie hat sich bestens seglerisch eingebracht.

Montag geht es voraussichtlich weiter gen Südirland, um von da aus den Absprung über die Biscaya nach Galizien abzuwarten.

Drei Länder in 33 Stunden

Wo ist sie nur die Irische Gastflagge? Montag früh waren wir im Morgengrauen aus Schottland (Land 1)losgesegelt, hatten in Nordirland (Land 2) in der Nähe von Belfast angelegt und Dienstag kurz nach 14:00 lagen wir schon im Carlingford Lough in einer kleinen Marina in Irland (Land 3). Das waren in Summe über 110 sm und Durchschnittsgeschwindigkeiten von > 7kn. Und wieder stellten wir das Schiff auf den Kopf um diesmal die irische Gastflagge zu finden – erfolglos. In Norwegen konnten wir ja noch die dänische Flagge umwidmen, aber das ging bei unserem Flaggensortiment jetzt nicht.

Der Reihe nach: Samstagabend hatten wir noch den Elfmeterkrimi Deutschland – Italien gesehen und konnten vor Aufregung kaum schlafen. Ein Schotte mit italienischer Großmutter heizte die Stimmung ordentlich an. Sonntagabend kam Pauline aus Frankfurt an Bord. Seitdem sind wir immer zwischen 3:45 Uhr und 4:30 in der Frühe aufgestanden, das lag aber nicht an ihr; die gewaltigen Tidenströme im Kanal zwischen Schottland und Nordirland bestimmten unseren Zeitplan und bescherten uns beim Mul of Kentyre einen wunderschönen Sonnenaufgang auf See. Es war eine ruhige, am Schluss verregnete Überfahrt nach Bangor/Nordirland. Aber vom kalten Dauerregen liessen wir uns nicht abhalten, am Nachmittag mit dem Zug Belfast  einen Besuch abzustatten – wozu hat man denn wasserdichte Bootsstiefel. .. . Schon nass bis auf die Knochen war die heiße Dusche die letzte Tat, bevor es in die Kojen ging.

Perfektes Segelwetter versüßte uns das frühe Aufstehen am Dienstag, so dass wir die Amazing Grace  richtig laufen ließen… und die Sonne kam sogar ab und zu raus! Pauline bewies auch am zweiten Tag ein gutes Händchen am Steuer und mit 63 sm im Kielwasser Richtung Süden machten wir im Carlingford Lough  fest. Da gehört das Nordufer zu Nordirland und das Südufer zu Irland. Die enge Einfahrt in die Marina war mit 4 kn Strom von der Seite nochmal Nervenkitzel. Was für ein Tag! Und das Allerbeste: der Hafenmeister schenkte uns eine irische Flagge, fast größer als die Heimatflagge am Heck! Trotzdem: wir müssen einen Flaggenfresser an Bord haben – wenn wir den kriegen!!!

Ungünstige Winde bescherten uns einen Hafentag, der gerne genommen wurde um die Gegend zu erkunden. Die Marina hat ein bisschen „do it yourself“ Charakter. An einem Kahn aus dem ersten Weltkrieg werden alle Stege festgemacht und der Wellenbrecher sieht auch wie ein nicht fertig gewordener Bunker aus. Bei unserer kleinen Wanderung am Fjord entlang wurde jedes Klischee zur irischen Tierwelt befriedigt und noch mehr: wir dachten schon, Nessie hätte sich hierher verirrt aber es war nur ein schwimmendes Pferd. Der Busfahrer auf dem Heimweg hatte uns als einzige Gäste, und anscheinend das Ziel, ein Seekrankheitstraining für Pauline durchzuführen – well done.